Der Goldene Reis
Der Goldene Reis
Der Biologe Peter Beyer wartete 25 Jahre auf diesen Tag. Er wird gleich zum ersten Mal in seinem Leben seine Pflanze in freier Wildbahn anschauen. Vor zwei Jahren kündigten die Philippinen an, seinen Goldenen Reis anbauen zu wollen, als erstes Land der Welt.
Der Bus kommt zum Stehen. Beyer setzt sich einen Sonnenhut auf und tritt in die Hitze hinaus. Draußen am Feld baut sich eine Menschentraube auf. Sie warten auf den Mann mit den weißen Haaren, der jetzt langsam in seinen Sandalen heranschleicht. Er entdeckt ein Schild auf dem Feld: Malusog 1, gepflanzt am 12. Januar 2023. (Malusog bedeutet gesund und wird als Name für den Goldenen Reis in den Philippinen verwendet). Er lauscht den Worten einer Mitarbeiterin des Landwirtschaftministeriums, die etwas von Ertrag und Qualität der ersten Ernte im Herbst erzählt. Dann schaut sie ihn direkt an und fragt: “Haben Sie den Reis auch in Ihrem Land schon angebaut?”. Beyer muss lachen.
Beinahe hätte Beyer diesen Moment nicht erlebt. Vor drei Jahren hatte er Lungenkrebs und verlor den gesamten rechten Flügel. Er ist kurzatmig geworden und die Narben schmerzen ihn.
1993 hatten Beyer und sein Kollege Ingo Potrykus einen tollkühnen Plan. Sie wollten die Gene im Embryo eines Reiskorns so manipulieren, dass die Pflanze in ihren Körnern Beta-Karotin ausschüttet. Das können nur Möhren, Spinat, Paprika, Mangos und ein paar andere Obst- und Gemüsesorten. Die Hälfte der Menschheit isst täglich weißen Reis. Er ist billig, schnell gekocht und macht satt. Allerdings enthält er fast nur Kohlenhydrate und kaum Nährstoffe. Wegen dieser einseitigen Ernährung mangelt es vor allem Menschen in Entwicklungsländern an lebenswichtigen Vitaminen. Wissenschaftler nennen das Phänomen den “versteckten Hunger”. Der Mensch nimmt Vitamin A in Form des Naturfarbstoffs Beta-Karotin zu sich, der im Darm ungewandelt wird. Das Vitamin pflegt die Haut, Zellen in Darm und Lunge, fördert das Knochenwachstum und unterstützt das Immunsystem. Die WHO sagt, dass jedes Jahr 500.000 Kinder ihr Augenlicht mangels des Vitamins verlieren. An den Folgen des Mangels sollen jährlich zwischen 800.000 und drei Millionen Menschen sterben. Ein Beta-Karotin enthaltender Reis könnte die Menschen dauerhaft mit Vitamin A versorgen.
Warum bildeten Pflanzen Karotinoide aus? Das wollte Beyer schon in seiner Doktorarbeit über die Narzisse Anfang der 1980er wissen. In den Reisblättern, im Stiel und in der Hülle findet man das Pigment. Nur im Korn schien es eine Blockade zu geben. Bei dem Treffen der Rockefeller-Stiftung 1993 in New York war es das Ziel, zwanzig Jahre nach dem Anfang der Gentechnik diese Blockade mit gentechnischen Verfahren auszuhebeln. 1983 gelang es Forschern erstmals, ein fremdes Gen mithilfe eines Bakteriums in eine Pflanze zu schleusen. Beim Meeting saß Beyer neben Kollegen aus Frankreich und England. Peter Beyer erinnert sich: “Es zeichnete sich schnell ab, dass nur zwei Männer irre genug waren, sich an dieser Wahnsinnsidee zu versuchen: Ingo Potrykus und ich”. Dem damals 59-jährigen Biologen Potrykus war es zuvor gelungen, ein Fremd-Gen in eine Reispflanze einzufügen. Beyer hatte anhand der Narzisse die Theorie verstanden. Sie ergänzten sich perfekt. Ihr Plan war die Blockade im Reiskorn zu lösen, indem sie vier Gene künstlich einführten.
Fünf Jahre später war Beyer am Abend wie so oft noch im Labor. Stundenlang polierte er Reiskörner mit Schmirgelpapier und sah nichts als Mehlstaub. Sachte hielt er die Schale unter den Wasserhahn und traute seinen Augen nicht. Die Körner schimmerten plötzlich goldgelb. Zum Spaß formte Beyer einen Osterhasen aus den Reiskörnern, fotografierte ihn und schickte ihn an Bekannte: “Fröhliche Ostern!”.
Dieser Prototyp enthielt 1,6 Mikrogramm Beta-Karotin pro Gramm Korn. Es war viel zu wenig, um wirksam zu sein, aber es war ein Durchbruch! Gäbe es einen Nobelpreis für Biologie, hätten die Biologen gute Erfolgsaussichten gehabt. Anfang der 2000er-Jahre dachten die beiden Biologen, es werde nicht lange dauern, bis ihr Reis in den ärmsten Ländern der Welt angebaut wird.
Es gibt ein Buffet zum Mittag mit einer Wanne Reis. Er ist gelb. In all den Jahren durfte Beyer seinen Reis noch nie essen. Er ist bis heute in Deutschland nicht zum Verzehr freigegeben. Beyer lädt sich eine Kelle auf den Teller, greift mit den Fingern hinein, steckt sich etwas Reis in den Mund und kaut. Er sagt: “Schmeckt wie … Reis”.
Am 3. Mai 2023 erhalten die an der Zulassung des Goldenen Reises beteiligten Behörden und Forschungsinstitute ein Schreiben vom Supreme Court (das Höchste Gericht) der Philippinen. Greenpeace und eine gentechnik-kritische Bauernorganisation würden behaupten, die Gesundheit der philippinischen Bevölkerung sei durch den genmanipulierten Reis gefährdet, weshalb der Anbau sofort zu stoppen sei. Peter Bauer und seine Wegbegleiter versuchen nun ein weiteres Mal zu beweisen, dass der Goldene Reis nicht schädlich ist. Sie machen seit 25 Jahren nichts anderes.
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