Rücken, Aua!

 Rücken, Aua!


2020 wurden mehr als 387.000 Rückenoperationen in Deutschland durchgeführt. Das waren 71 Prozent mehr als 14 Jahre zuvor:


Rückenoperation

2006

2020

Halswirbelsäule

25.996

46.602

Brustwirbelsäule

14.891

31.359

Lendenwirbelsäule

184.999

309.140

Insgesamt

225.886

387.101


Der Schmerzmediziner Michael Küster sagte: “Wir wissen, dass ein nicht unerheblicher Teil von bis zu 30 Prozent der Patienten, die an der Bandscheibe oder versteifend an der Wirbelsäule operiert werden, dauerhaft Schmerzen behalten”.


Die Punktprävalenz von Rückenschmerzen in der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands liegt bei knapp 40 Prozent. Das heißt, zu jedem Zeitpunkt in Deutschland fragen sich ungefahr 33 Millionen Menschen, was sie gegen die Pein in Nacken, Schulter oder Lende machen sollen. Schmerzen im Nacken und in der Lende sind nach Infektionen der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit.


Rückenschmerzen haben in 85 Prozent der Fälle keine erkennbare organische Ursache. Dr. med. Michael A. Überall gründete das Unternehmen Integrative Managed Care, um sich mit anderen Medizinern auf Rückenschmerzen zu konzentrieren. Sie haben für verschiedene Krankenkassen und etwa 30 Rückenschmerzzentren Versorgungsverträge abgeschlossen. Die Ärzte in diesen Zentren untersuchen regelmäßig Menschen, die schon eine Empfehlung für einen Eingriff an der Wirbelsäule haben, jedoch unschlüssig sind. Vor kurzem wertete Dr. Überall gemeinsam mit drei Kollegen die Daten von mehr als 7500 Menschen aus, die im Zeitraum 2015 bis 2021 eine Zweitmeinung einholten. Die vier Experten hielten den Rat zur Rückenoperation in nicht einmal fünf Prozent der Fälle für gerechtfertig!


Mediziner der Mayo Clinic im US-amerikanischen Rochester Minnesota analysierten die Erkenntnisse aus 33 Studien über Bandscheiben gesunder Menschen, die mittels Kernspin/Magnetresonanztomographie (MRT) durchgeführt wurden. Von den Menschen im Alter von 20 Jahren hatten 37 Prozent degenerative Bandscheiben und bei den 80-Jährigen lag der Anteil bei 96 Prozent. Laut der Forschungsgruppe gehören degenerierte Bandscheiben zur üblichen Alterung und nicht zu krankhaften Vorgängen, die einer Behandlung bedürfen.


Eine Forschungsgruppe der Universitätsmedizin Greifswald hat zufällig ausgewählte Teilnehmer im Kernspin durchleuchtet und zu ihrer Gesundheit befragt. Sie werteten die Daten von 2400 Testpersonen aus. Einige von ihnen berichteten zum Zeitpunkt der Kernspinaufnahme von Rückenschmerzen. Von diesen Menschen hatten 77,8 Prozent Anzeichen von Verschleiß im Kreuz. Dagegen hatten 74,4 Prozent der anderen ohne Rückenschmerzen eine degenerative Veränderung der Lendenwirbelsäule. Nach sechs Jahren wurden 1800 der Testpersonen gefragt, ob sie Beschwerden im Kreuz hatten. Die Antworten ergaben keinen Zusammenhang zwischen MRT-Befunden und der Stärke von Rückenschmerzen.


Bei Rückenschmerzen ist der häufigste Eingriff die Entfernung von vorgefallenem Bandscheibenmaterial. Das soll den Druck von den Nervenwurzeln nehmen und die Entzündung beruhigen. Dadurch kann die Wirbelsäule instabil werden. Eine einfache Bandscheibenoperation wird mit 3900 Euro vergütet und eine Wirbelversteifung über zwei Segmente mit 9000 Euro. In einer Befragung für die Bertelsmann-Stiftung fragte ein Psychologe verschiedene Ärzte danach, warum sie sinnlose Eingriffe durchführen. “Besonders Rücken-OPs werden gut bezahlt” gab einer von ihnen offen zu. Im Vergleich erhalten Mediziner 14,42 Euro für ein zehnminütiges, problemorientiertes Gespräch, um einen Patienten zu Übungen zu ermuntern. Später wird sein Erfolg während eines weiteren zehnminütigen Termins bewertet.


Der Chefarzt am Verbundkrankenhaus Linz-Remagen sagte: “Ein Patient mit akuten, starken Rückenschmerzen kommt erfahrungsgemäß erheblich schneller an einen Operationstermin als an einen Termin für eine konservative Therapie”.


Bei chirurgischen Eingriffen sind schätzungsweise 30 Prozent der Patienten mit dem Ergebnis ihrer Rückenoperation unzufrieden. Einer Studie zufolge treten bei 36 Prozent der Patienten fünf Jahre nach einer Wirbelsäulenversteifung Schmerzen auf. Bei einem zweiten Eingriff liegt die Erfolgsrate bei 30 Prozent, bei einem dritten bei 15 Prozent und bei einem vierten bei 5 Prozent.


Zum Beispiel tat einer 40-jährigen Frau ein Jahr lang der Rücken weh. Dann kamen Schmerzen im rechten Bein und ein Taubheitsgefühl im großen Zeh. Der Kernspin zeigte als Ursache einen Bandscheibenvorfall zwischen den vierten und fünften Lendenwirbeln. Nach vier Wochen konservativer Behandlung ging es der Frau auf einmal wieder gut. Im folgenden Jahr gab es eine weitere MRT. Der Bandscheibenvorfall war größtenteils verschwunden.


Die Mitglieder des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) beschlossen im September 2021: Jeder gesetzliche Krankenversicherte, der eine Empfehlung für einen Eingriff an der Wirbelsäule bekam, darf sich auf Kosten der Krankenkasse eine Zweitmeinung einholen. 


IMC-Chef Dr. Überall hat die Daten von mehr als 4400 Teilnehmern ausgewertet. Demnach ging es 91,5 Prozent nach dem konservativen Programm besser, ohne einen Eingriff an der Wirbelsäule.


Nicht jede Rückenoperation ist überflüssig. Wenn ein Rückenpatient den Fuß nicht mehr heben kann oder andere Lähmungen spürt, müssen Chirurgen meistens schnell operieren.





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